In Wiesental wird Sportgeschichte geschrieben

Vor 75 Jahren wurde in Wiesental Sportgeschichte geschrieben. Am 26./27. Oktober 1946 trafen sich im Gasthaus „Zum Reichsadler“ zum ersten Mal in Baden nach dem Zweiten Weltkrieg die Süddeutschen Sportverbände der US-Zone. Organisiert wurde das Treffen vom damaligen Fußball-Kreisfachwart Rupert Baumann, der auch viele Jahre Jugendleiter und Vorsitzender des FV 1912 Wiesental war. Nach der bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reiches am 8. Mai 1945 und dem Sieg der alliierten Streitkräfte über Nazi-Deutschland lag auch der Sportbetrieb brach.

Aber auch ohne die erforderlichen Genehmigungen durch den US-Sportoffizier Raymond A.Grossman fanden schon wenige Wochen nach dem Kriegsende, im Juni 1945, die ersten durch Mund-zu-Mund-Propaganda vereinbarten Fußball- und Handball-Freundschaftsspiele statt. Da wegen Benzinmangels an Sonn- und Feiertagen keine Kraftfahrzeuge für den Sportbetrieb benutzt werden durften und es auch keine Flutlichtanlagen gab, wurde damals der Sport hauptsächlich samstags ausgeübt.

Am 13. März 1946 erfolgte in Karlsruhe die Gründung des Badischen Sportverbandes (BSV), dem alle Turn- und Sportvereine in Nordbaden beitreten mussten. Damit sollte eine erneute Zersplitterung des organisierten Sports in religiöse, bürgerliche und Arbeitervereine wie zu Zeiten der Weimarer Republik verhindert werden. Darauf legten die US-Militärregierung mit Sitz in Karlsruhe sowie der Sportverbandsvorsitzende Franz Müller großen Wert. Am 7./8.Mai 1946 wurde der BSV in den Süddeutschen Sportverband aufgenommen, dem zuvor nur Bayern, Hessen und Württemberg angehört haben.

Danach war der BSV am 26./27.Oktober 1946 in Wiesental erstmals Ausrichter einer Tagung der süddeutschen Landessportverbände aus der amerikanischen Besatzungszone. Gekommen waren 27 Sportfunktionäre aus den vier Verbänden, darunter mit Franz Müller (BSV-Vorsitzender), Hans Kauffmann (Sportkreis Bruchsal), Fritz Meinzer (Fußball), Rudolf Groth (Turnen), Robert Ehmann (Handball), Rupert Baumann (Fußball), Willi Kuhfeld (Fußball) und Trudel Zimmermann-Künzler für die Protokollführung auch acht Vertreter aus Nordbaden. Geleitet wurde die Tagung in Wiesental von Dr.Karl Zimmermann vom badischen Landesdirektorium für Kultus und Unterricht in Karlsruhe.

Zu Beginn stand ein Vortrag des württembergischen Jugendleiters Robert Kast, der zu einer ergiebigen Diskussion über die Betreuung der Sportjugend geführt hatte. Ihren Niederschlag fand die Aussprache in zwei Eingaben an die amerikanische Militärregierung und an den Länderrat. Dabei wurde hinsichtlich der Ernährung sowie der Beschaffung von Sportgeräten und Sportbekleidung um Unterstützung gebeten. Ansonsten standen hauptsächlich organisatorische Fragen wie Spieler-Sperrzeiten oder die einheitliche Einteilung der Jugendjahrgänge im Vordergrund. Wesentlich war die Einigung, dass Sperren wegen Vergehen gegen die sportliche Disziplin für alle Sparten allgemein verbindlich sein sollten.

Diskutiert wurden auch die Nutzung des Rundfunks und der Presse für die Aufgaben und Ziele des Sports, die unbefriedigenden Verkehrsverhältnisse sowie die Erhebung einer Vergnügungssteuer für Sportveranstaltungen, deren gesetzliche Berechtigung bei den Sportorganisationen keine Anerkennung fand. Vergeben wurde im Wiesentaler Reichsadler auch der Sitz der Arbeitsgemeinschaft der süddeutschen Sportverbände nach München, nachdem der Stuttgarter Oswald Hirschfeld seine Tätigkeit nach Köln verlegt hatte. Der Deutsche Sportbund wurde erst am 10.Dezember 1950 in Hannover gegründet. Vorausgegangen war eine fast fünfjährige Diskussion.

Kurt Klumpp

 

Am 26./27. Oktober 1946 trafen sich im Wiesentaler Gasthaus „Zum Reichsadler“ die Vertreter der Süddeutschen Sportverbände zu einer Tagung. Rupert Baumann zweite Reihe, Zweiter von links.

Foto: Archiv FV 1912 Wiesental